OTS: Brsen-Zeitung / Schief gewickelt, Marktkommentar von Alex Wehnert | Nachricht



OTS: Brsen-Zeitung / Schief gewickelt, Marktkommentar von Alex Wehnert | Nachricht

Schief gewickelt, Marktkommentar von Alex Wehnert

Frankfurt (ots) – Beim Börsenhype um Windeln.de haben aktivistische Kleinanleger

inzwischen jeglichen Vorwand, es handle sich um eine fundamental zu

rechtfertigende Rally, fallen gelassen. Zu Beginn der Kurskapriolen hatte noch

die in deutschsprachigen Subforen der Plattform Reddit verbreitete Behauptung

ge­standen, die Aufhebung der Ein-Kind-Politik in China helle die

Geschäftsaussichten des Unternehmens massiv auf. Tatsächlich generiert

Windeln.de rund drei Viertel ihres Umsatzes in der Volksrepublik – Effekte der

neuen Vorgaben aus der Volksrepublik auf die Nachfrage dürften aber höchstens

mit langer Zeitverzögerung spürbar werden. Zudem wäre der Babyausstatter

aufgrund der angespannten Liquiditätssituation vielleicht gar nicht in der Lage,

davon zu profitieren.

Mittlerweile scheint das China-Narrativ aber beiseite gefegt und durch pure Lust

an der Kurstreiberei ersetzt worden zu sein. Nachdem auf eine Warnung der BaFin

vor Kaufaufrufen im Internet am Donnerstag ein Kurssturz von über 30 Prozent

gefolgt war, wurden Anleger, die nach eigenen Angaben viel Geld verloren hatten,

von anderen Nutzern zum Nachkaufen gedrängt. Andere proklamierten das Ziel, die

Aktie bis auf 10 Euro anzuschieben. Dass der Titel davon weit entfernt ist,

liegt auch an einem entscheidenden Unterschied zwischen dem Hype um Windeln.de

und der Rally vieler sogenannter Meme-Stocks aus den USA. Denn bei Investitionen

in Aktien von Gamestop und AMC können sich die Reddit-Aktivisten an einem

gemeinsamen Feindbild austoben: Hedgefonds, die bei diesen Gesellschaften

großvolumig Short-Positionen aufgebaut haben.

Das Narrativ von einer organisierten Masse an Privatanlegern, die sich gegen die

Finanzelite verbündet und in Not geratene Unternehmen rettet, verstärkt den

Herdentrieb am Markt. Wobei sich ironischerweise Hinweise darauf verdichten,

dass Hedgefonds, die algorithmenbasierte Momentum-Strategien verfolgen,

ebenfalls bei der Rally der Meme-Stocks mitmischen.

Auch bezüglich Windeln.de kursierten in Internetforen wilde Gerüchte um

chinesische Hedgefonds, die angeblich die Kurse drücken wollten, um die

Gesellschaft günstig übernehmen zu können. Anleger, die daran glaubten, waren

schief gewickelt: Im Bundesanzeiger liegen keine Meldungen über

Leerverkaufspositionen in Aktien von Windeln.de vor. Weil diese Information

infolge der medialen Berichterstattung auch in die Internetforen vorgedrungen

ist, löst sich das zusammenschweißende Feindbild der chinesischen Hedgefonds in

Luft auf.

Dass die Verbreiter solcher Gerüchte ihre Kommentare oft schnell wieder löschen,

unterstreicht den Wahrheitsgehalt der jüngsten BaFin-Warnung, in der es heißt:

„Häufig dienen Chat-Gruppen in sozialen Netzwerken lediglich dazu, Anleger zum

Kauf von bestimmten Aktien zu verleiten, damit die Absender von steigenden

Kursen dieser Aktien profitieren.“ Derartige Komplotte sind am Finanzmarkt nicht

neu – doch während Kaufaufrufe früher in Anlegerjournalen verbreitet wurden,

ermöglichen Social Media heute eine schnellere und großflächigere Publikation.

Es sind allerdings nicht nur Reddit-Investoren, die im Zuge des Hypes auf dem

Rücken leichtgläubiger Kleinanleger Kasse machen. Bei AMC haben laut Einträgen

bei der US-Börsenaufsicht SEC zuletzt hochrangige Manager große Aktienpakete

abgestoßen. Dass offenbar selbst Insider Zweifel an einem anhaltenden Aufschwung

haben, sollte Investoren zu denken geben. Zugleich nutzen die Unternehmen die

Kursanstiege, um Aktien auf den Markt zu werfen. Bei Gamestop könnte eine

weitere Kapitalerhöhung die Blase laut Analysten zum Platzen bringen – hinzu

kommt, dass die SEC den Handel mit Aktien des Videospielhändlers prüft.

Außerdem erwägt die Aufsicht angeblich, Neobroker dazu zu verpflichten, vor

Transaktionsabschluss Warnhinweise an Privatanleger zu schalten. Wenigstens ein

paar Privatinvestoren könnten so eventuell vor gewaltigen Kursverlusten bewahrt

werden. Auch die BaFin, deren Mandat natürlich nicht kongruent zu dem der SEC

ist, sollte überlegen, welche Maßnahmen sie über ihre jüngste Warnung hinaus

ergreifen kann. Denn gerade dem deutschen Markt, an dem Aktien gerade wieder

etwas mehr Zuspruch erfahren, droht sonst ein herber Rückschlag. Schließlich

könnte es den Enthusiasmus vieler junger Menschen nachhaltig dämpfen, wenn ihre

erste Anlageerfahrung aus einem Totalverlust ihrer Investition in Windeln.de

bestünde.

Pressekontakt:

Börsen-Zeitung

Redaktion

Telefon: 069–2732-0

www.boersen-zeitung.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/30377/4939666

OTS: Börsen-Zeitung



2021-06-11 19:26:39

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